Orientierung

Meine Frau starb am 17.11.09 um 22 Uhr. Ich hatte das Gefühl in der Minute nach ihrem Tod, das sämtliche Bewegungen unmöglich geworden waren. Ich war innerhalb einer Sekunde selbständig bzw. musste es sein, aber das Gefühl dazu fehlte vollständig. Ich war nicht mal in der Lage einen Schritt zu gehen. Die Entscheidung zu treffen den einen Fuß vorzusetzen und den anderen nachzuführen, wie sollte das gehen, mir fehlte völlig die Sicherheit. Zehn Jahre vorher hatte ich mich mit meinem kleinen Unternehmen selbständig gemacht. So heißt es zumindest in meinem Lebenslauf, aber war ich es wirklich – selbständig? Meine Sicherheit war meine Frau, die nie in mein Unternehmen eingriff, ja, mal Kritik übte, aber eigentlich nie Einfluss genommen hatte. Sie war eben da.
Jetzt war sie weg und ich musste wie ein Säugling lernen Schritte zu machen, Entscheidungen zu treffen, Richtungen vorgeben. Die anwesende Ärztin, meine Schwägerin, meine Kinder standen vor mir und schauten mich an. Mit fragenden Augen, in Erwartung von Anweisungen. Ich musste plötzlich lernen zu führen.

Heute nach 16 Monaten des selbständigen Handelns sieht die Welt anders aus. Ich habe mich wieder in mein Leben hineingearbeitet. Führe eine Familie, habe die Entscheidung getroffen meine alte Selbständigkeit gegen eine komplett Neue einzutauschen, andere Menschen in mein Leben zu lassen, habe eine Angestellte, die ich anleiten muss.
Gleichzeitig bin ich sicherlich keine Maschine geworden, eher im Gegenteil. Ich habe gelernt Verantwortung zu tragen, Entscheidungen ohne Rücksprachen zu treffen, meine Wege zu verteidigen, weil ich mir sicher bin, dass mein Weg richtig ist.

Jetzt schaue ich in die Gesellschaft in der ich lebe und merke, dass ganz viele Menschen das gar nicht können. Sie suchen Sicherheit in Verordnungen, Anordnungen, Paragraphen und Gesetzen, wollen und müssen angeleitet werden, weil sie selber nicht die Verantwortung tragen können. Unsicherheit scheint überall vorhanden zu sein. Man versteckt sich lieber, als das man nach außen tritt.

Aber manchmal trifft man dann doch Menschen, die Entscheidungen treffen, dafür einstehen und anderen damit eine rote Linie aufzeigen, an der diese weiter gehen können. Da ist die Babysitterin meiner Kinder, Anfang 20, die sich bei Stuttgart21 in die Menge stellt und vom Wasserwerfer umgepustet wird, weil sie für eine Idee einsteht, oder der Geschäftsmann aus Bergisch Gladbach, Anfang 60, der in seinem Leben den Wandel zu Spiritualität vollzieht und ein beeindruckendes Bestattungshaus baut. Menschen, die Ideen haben und diese umsetzen.

Führungspersonen sind wenige von Geburt her, häufig muss man es lernen, habe ich manchmal das Gefühl. Vielleicht müssen wir uns alle mal an die Nase fassen und überlegen, ob nicht in unserem Bereich irgendwo ein Punkt vorhanden ist, den wir mit unserer Führung ausfüllen können.