Krummer Finger

Nein, hier geht es nicht um Diebstahl, sondern um einen Menschen in einem Film: Antonias Welt. Ein Film, der mich vor Jahren gefangen hat und mich seit dem nicht mehr losgelassen hat. Krummer Finger ist ein Philosoph, der Schopenhauer verehrt und sich schließlich erhängt, weil er der Meinung ist, dass die Welt nicht lebenswert sei. Er ist „nur“ eine Nebenfigur im Film, dennoch gibt es manchmal Erlebnisse, die diese Figuren wieder zum Leben erwecken, wenn man ihnen gegenüber sitzt. So gestern!

Gestern war das 15jährige Bestehen des Hamburger Hospizes Helenenstift und ich hatte parallel einen Mann zu interviewen für mein Buch „Männer im Abschied“. Schon bei den Telefonaten waren wir uns nicht sicher, wer uns erwarten würde und bei der Feier war er mehr als präsent, aber ohne irgendwie aufzufallen. Eine eigenartige Mischung.

Die Reden waren irgendwann vorbei und Dagmar Berghoff hatte das Verlesen von Nachrichten beendet, als ich mit dem besagten Mann zum Kaffee unterwegs war, um unser Gespräch zu führen. Ich war vorsichtig und wurde überrascht. Mir gegenüber saß „Krummer Finger“, ein Philosoph und Skeptiker. Ein Mensch am Ende seines Lebens mit vielfältigen Krebsarten, Wasser im Bauch, abgemagert und gezeichnet von der Krankheit. Ein Mann, der nicht mehr lange zu Leben hat. Ich fragte ihn, wie es sich anfühlen würden, im Sterbeprozess zu sein. Meine letzte Frage für 1,5 Std. Danach schloss sich eine philosphisch durchdachte Abhandlung an über den Schein dieser Welt, der Erkenntnis der eigenen Schwächen, der eigenen Zulänglichkeiten, den Einfluß der Eltern, das materialistische Denken und die Akzeptanzphilsophie. Es wurden unterschiedlichste Philosophen genannt und besprochen. Am Ende nahm auch er etwas aus der Diskussion mit und wir unterhielten uns über das System der Krankenhäuser und Hospize und deren Aufgaben.

Im Krankenhaus beispielsweise, wurden Therapien vorgeschlagen und besprochen, die er ablehnte aus den unterschiedlichsten Erwägungen. Ärzte zogen Psychologen zu Rate, weil er depressive Züge hätte. Er wurde nicht verstanden, weil er Dinge hinterfragte. Das System Krankenhaus, das System Hospiz versteht ihn nicht, versteht nicht diesen Typen Mann. Er verließ beide Institutionen.

Ich habe das große Glück bei meinem Projekt Männer zu treffen, die am Ende des Lebens sind. Die keine Maske mehr tragen, die ihren persönlichen Weg gehen wollen und es auch tun. Die aber gleichzeitig noch etwas zu sagen haben. Darunter ist der Starfotograf oder der Penner, der 30 Jahre Platte gemacht hat, weil er sich nicht einengen will, darunter ist der Philosoph, der nicht in unser System passt, weil er es ablehnt, weil er es in seiner Scheinheiligkeit hinterfragt und ihm einen Spiegel vorhält.

Männer aus allen Altersschichten, die ihre Entscheidungen treffen, wie der junge Mann der Iron Maiden hörte, sich mit mir unterhielt, als sein letztes großes Gespräch und sich eine Woche später überraschend das Leben nahm, weil der Plan vielleicht doch schon in seinem Kopf vorhanden war.

Wir stehen dort und meinen Handeln zu müssen und sie (die Männer) ziehen sich heraus aus dem System und bestimmen ihren eigenen Weg, alleine, unabhängig, „männlich“, aber vor allem unverstanden. Es sind Menschen, die nach außen hin als psychisch krank einsortiert werden, weil Ärzte meinen handeln zu müssen, weil sie (die Ärzte) menschlich zu dumm sind, diese Menschen zu verstehen. Es ist das Gesundheitssystem, was die Menschen nicht versteht, weil es nach Vorgaben und Abrechnungsposten arbeitet. Nicht umsonst ist die Selbstmordrate bei älteren Männern so hoch, wie die Statistik es ausweist und je mehr Männer ich gesprochen habe, umso mehr kann ich es verstehen.

Ich hoffe der skeptische Philosoph entgeht dem System und geht seinen eigenen Weg zurück ins Meer, in seinen großen Frieden.