Der Irrtum in der Postmortemfotografie – kritische Gedanken von Dr. Martin Kreuels und Helga Schmidtke

Dr. Martin Kreuels

Seit nun mehr 7 Jahren bin ich als Postmortemfotograf tätig. Nachdem zwei meiner insgesamt sechs Kinder während der Schwangerschaft gestorben waren und meine Frau 2009 den gleichen Weg ging, brachte mich mein damals sechsjähriger Sohn auf die Idee, dies anzubieten. Sah ich doch in den Wochen nach dem Tod der Mutter, dass die Kinder immer wieder die Konfrontation mit der toten Mutter via Fotografie suchten. In vielen endlosen Gesprächen sind wir dann den Weg der Trauer gegangen.

Viele Menschen habe ich seitdem fotografiert. Alte, Menschen mittleren Alters und Säuglinge waren dabei. Gleichzeitig habe ich für mich das Feld der Männertrauer immer mehr erschlossen. Einmal aus der eigenen Anschauung heraus aber auch bei meinen Buchprojekten, in denen ich mit zahlreichen trauernden Männern sprechen durfte.

Gleichzeitig habe ich in dieser Zeit zahllose Interviews gegeben und viele Fernsehbeiträge erstellt. Ich wollte auf dieses Thema aufmerksam machen und den Trauernden einen anderen Weg zeigen, der sich lohnt ausprobiert zu werden. Auch habe ich, vielleicht bisher eher halbherzig und nicht deutlich genug, immer wieder daraufhin gewiesen, dass das Foto nicht zwangsläufig von einem Fotografen erstellt werden muss. Es war eher mein Anliegen, die Menschen dazu zu bringen, über dieses Thema nachzudenken. Letztlich vielleicht sich sogar mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen.

Gerne bin ich auch Kai Gebel in den Verband der Sternenkinderfotografen (http://www.dein-sternenkind.eu/) gefolgt, sah ich dort doch endlich die Möglichkeit, mein Anliegen einer breiteren Plattform näher zu bringen. Neben mir folgten hunderte Fotografen ehrenamtlich dieser Aufgabe. Als ich Kai mein Buch zur Postmortemfotografie anbot um dies den Fotografen als kleinen Ratgeber an die Hand zu geben, hörte ich zum ersten Mal, dass dies nicht der Ansatz des Vereines sei. Damals habe ich mir nichts dabei gedacht.

Heute sehe ich die Plattform aber in einem anderen Licht. Ein Licht, das mir diffus die ganze Zeit vorhanden war, was ich aber nicht sehen wollte.

Das letzte Bild an sich, wird durch die Arbeit der Fotografen in der bisherigen Lesart zum Selbstzweck, sollte aber doch eher zum Türöffner werden. Und wenn wir weiter denken, ist der Postmortemfotograf nur derjenige, der als Berater zur Seite steht, um die Angehörigen, Freunde, Eltern auf eine Möglichkeit hinzuweisen, ihnen vielleicht zu helfen, aber letztlich den Weg zu ebnen, die Trauer auf einem eigenen Weg aktiv zu beschreiten. Das Foto an sich ist nichts, wenn sich danach nicht ein aktiver Prozess mit Trauerbegleitung anschließt.

Vergleichbar vielleicht mit dem Kauf einer Tür. Die Tür macht erst dann einen Sinn, nachdem ich sie eingebaut habe, wenn ich auch durch sie hindurchgehe und das Haus dahinter gestalte. Die Tür an sich ist vielleicht ganz schön, bringt für sich alleine aber nichts. Die Trauer, die sich nach dem Verlust ergibt, ist das Haus. Wir müssen es einrichten, gestalten und wir müssen das Haus bewohnen, uns in ihm bewegen.

Und damit hat Kai Gebel zwar einen wertvollen Beitrag geleistet, hört aber an der Tür schon wieder auf. Gleichzeitig ergeben sich nun zwei fatale Fehler in meinen Augen, die langfristig zum Problem werden. Der 1. ist, dass die Angehörigen nun mit ihrer Trauer und dem Bild alleine gelassen werden, weil es nach der Bildübergabe keine weiteren Informationen gibt. Zusätzlich ist das Bild von einem Fremden und wurde nicht von den Angehörigen erstellt. Es ist damit nicht meines. Man muss sich mal in die Situation versetzen: ich verliere ein Kind und ich schaffe es nicht selber ein Bild meines Kindes zu erstellen. Ich muss also einen Dienstleister beauftragen, der für mich ein Bild in einer Situation erstellt, die intimer kaum sein kann! Der Fotograf wird, weil er die Arbeiten alleine erstellt, zu einem Fremden, zu einem Handwerker, in einer Situation, wo die Eltern ihr totes Kind in den Armen halten. Ich will den Fotografen damit nicht unterstellen, dass dies ein Selbstzweck ist, vielmehr glaube ich, dass sie ein sehr wertvolles Ehrenamt ausüben, auf das sie allerdings nicht vorbereitet wurden.

Und der 2. Fehler liegt darin, dass die Fotografen mit den Eindrücken alleine gelassen werden und keine weitergehende Aufarbeitung erfolgt. Wer Bilder von Verstorbenen erstellt, wird feststellen, wenn er empathisch ist, alle anderen sollten es auch gar nicht machen, dass man diese Bilder nicht mehr los wird. Erst Recht nicht die, die wir von Babys erstellt haben. Sie begleiten uns dauerhaft.

Aus meiner Sicht ist deshalb der Sternenkinderfotografenverband nur halbherzig durchdacht und birgt damit eine ganze Reihe von Problemen, die sich aus der mangelnden Strukturierung ergeben.

Folgende Schritte sind m.E. notwendig:
1. Vor einer Beauftragung sollte mit den Angehörigen gesprochen werden, ob diese die Bilder nicht alleine erstellen möchten. Es geht nicht um Stil, Ausleuchtungen, Goldener Schnitt, Farbe oder nicht. Sondern es geht darum, dass es mein Bild wird. Hierfür ist die Qualität zweitrangig. Fragen dazu können natürlich von einem Fotografen beantwortet werden.
2. Kommt es zu einer Beauftragung, sollte der Fotograf neben der Bildübergabe ein ganzes Bündel an weiter gehenden Unterstützung im Gepäck haben. Dazu zählen Hilfestellungen, Trauerbegleiter etc. Dies gilt natürlich auch schon für Punkt 1.
3. Hat der Fotograf den Auftrag erfüllt, sollte dieser in seinem Umkreis die Möglichkeit haben, selber Hilfe zu bekommen, im Rahmen einer Nachbesprechung des Auftrages.

Helga Schmidtke

Die Initiative dein-sternenkind.eu ist eine wundervolle und macht mit ihrer Arbeit sichtbar, was für Eltern wohl der schlimmste Moment ihres Lebens ist – die stille Geburt ihres Kindes.

Viele Menschen arbeiten ehrenamtlich für diese Initiative und stellen ihre Zeit, ihr Wissen und ihr Engagement zur Verfügung.

Doch was passiert nach dem“ Bilder machen“ mit den Familien, mit den Müttern und Vätern, Geschwistern, Großeltern, Paten und Freunden des Sternenkindes?

Es ist in vielen Situationen genauso, wie Martin es schreibt – die Tür ist da, doch wenn ich hindurchgehe durch diese Tür – wohin führt mich dann mein Weg?

Welche Räumlichkeiten beinhaltet dieses Haus, in das ich gehen muss. MEIN Haus der Trauer.
Gibt es ein gemütliches Wohnzimmer mit einem heimeligen Kamin, indem ich mich willkommen und sicher fühle? Gibt es eine Küche, in der mir Nahrung zubereitet wird? Gibt es ein Schlafzimmer, in dem ich meine Männlichkeit/Weiblichkeit leben kann? Gibt es ein Kinderzimmer, in dem ich fröhlich sein kann und unbekümmert und sorgenfrei spielen und lustig sein darf?

Oder gibt es dort nur den kalten Kohlenkeller, in dem ich alleine und zusammengekauert irgendwo in der Ecke sitze und darauf warte, dass jemand die Kellertür öffnet, das Licht anknipst mich an die Hand nimmt und raus holt – vielleicht in den Garten, wo die Sonne scheint, Menschen zusammen sitzen, sich unterhalten, grillen und einfach LEBEN!

Die Initiative dein-sternenkind.eu könnte dieses Haus sein, indem es viele dieser unterschiedlichen Zimmer gibt.
Wenn Sternenkinderfotografen alarmiert werden, könnte zum Beispiel gleichzeitig ein Anruf an eine ortsansässige Initiative (Kinderhospizverein, leere Wiege, Sternenkinderzentrum etc.) gehen, die diese Familien, und evtl. auch den zuständigen Fotografen weiter begleitet. So wäre es möglich eine nahtlose Begleitung der betroffenen Familien zu gewährleisten.

Und GEMEINSAM mit all diesen tollen Initiativen, Vereinen etc. die es in Deutschland, Österreich, Schweiz und überall anders auch gibt, könnte man eine noch bessere Begleitung der betroffenen Familien gewährleisten. Die Fotos, die ich persönlich für eine wundervolle Sache halte dürften hier die Haustür sein – und dann können die Familien entscheiden, in welches Zimmer sie gehen möchten. Manche bleiben vielleicht auch erst einmal eine Weile im Flur stehen, oder gehen in den Keller. All dieses hat seine absolute Berechtigung. Und doch muss ich, bevor ich mich entscheide, auch wissen, welche unterschiedlichen Zimmer es gibt.

Ich persönlich handhabe es in meiner Arbeit immer genauso – werde ich persönlich gerufen, informiere ich immer auch eine Sternenkinderfotografin und umgekehrt funktioniert das über den gleichen Weg.

Für mich ist die Hilfe zur Selbsthilfe das allerwichtigste dabei. Wenn der Fotograf es schafft, das einer der Familienangehörigen mutig wird und vielleicht selbst den Foto in die Hand nimmt und auf den Auslöser drückt, dann ist dies ein Riesen Geschenk – ein Geschenk, das berührt…..alle beteiligten.

Wir beide sind für Fragen und Anregungen offen und möchten mit unserem Text einen Ball ins Feld spielen, der aufgenommen werden kann, um mehr zu erreichen, als nur vor der Türe stehen zu bleiben.

weitergehende Literatur: Dr Martin Kreuels – Postmortemfotografie

Kontakt:
Dr. Martin Kreuels: www.fotografie-kreuels.de
Helga Schmidtke: www.die-sternenkinderbestatterin.de